Sudetendeutsche Landsmannschaft
Landesgruppe Baden-Württemberg e.V.
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Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft


1. Die Sudetendeutschen – Wer wir sind

Die Sudetendeutsche Volksgruppe stammt von den Deutschen ab, die spätestens seit dem Mittelalter Böhmen, Mähren und das nachmalige Sudetenschlesien besiedelten, urbar machten und blühende Kulturlandschaften schufen. Diese Deutschen lebten jahrhundertelang vor allem in den Randgebieten der Böhmischen Länder, aber auch in der Hauptstadt Prag und in Sprachinseln im Landesinneren.

Die gängigen Sammelbegriffe für diese Deutschböhmen, Deutschmährer und Sudetenschlesier waren ursprünglich „Deutsche aus den Ländern der Böhmischen Krone“ bzw. „Deutsche aus den Ländern der Heiligen Wenzelskrone“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden – ähnlich wie „Alpendeutsche“ oder „Karpatendeutsche“ – die Volksgruppenbezeichnungen „Deutsche aus den Sudetenländern“ bzw. „Sudetendeutsche“, die sich mit Ende der Habsburgermonarchie, und damit des Königreichs Böhmen, umfassend durchsetzten. Von 1918 bis 1938 waren die Sudetendeutschen ohne gefragt zu werden Teil der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik und wurden dort als nationale Minderheit behandelt. Von 1938 bis 1945 gehörten sie zum nationalsozialistischen Deutschen Reich. Bei Wiedererrichtung der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die ca. 3 ½ Millionen Sudetendeutschen kollektiv entrechtet, fast vollständig vertrieben und damit verstärkt zu einer Schicksalsgemeinschaft.

 

Die meisten vertriebenen Sudetendeutschen und ihre Nachfahren leben in der Bundesrepublik Deutschland. Im Jahr 1950 hat der Deutsche Bundestag eine „Obhutserklärung“ über die aus der Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen beschlossen. Der Freistaat Bayern hat im Jahr 1954 „eingedenk der jahrhundertealten historischen und kulturellen Bindungen … und als Zeichen der Anerkennung … der Verdienste der Mitbürger aus dem Sudetenland“ die Schirmherrschaft über die sudetendeutsche Volksgruppe übernommen und betrachtet sie als den „Vierten Stamm“ Bayerns. Das Schirmland kümmert sich nicht nur um die Sudetendeutschen in Bayern und in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch um die vielen sudetendeutschen Landsleute in Österreich, im Übrigen Europa und in Übersee.

 

Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989 können sich auch die zahlreichen Sudetendeutschen, die in die Sowjetische Besatzungszone, aus der die DDR entstand, vertrieben worden waren, sowie die in der Tschechischen Republik verbliebenen Deutschen wieder offen zu ihrer Herkunft bekennen.

 

2. Die Sudetendeutsche Volksgruppe – Was uns verbindet

Trotz ihrer stammlichen Vielfalt und verschiedenen Dialekte sowie der Zerstreuung durch die Vertreibung hat die Sudetendeutsche Volksgruppe aufgrund des gemeinsamen Schicksals bis heute ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein und somit ihre Einheit bewahrt, die es in künftige Generationen weiterzutragen gilt.

Zu den historischen, kulturellen und politischen Entwicklungen, die die Sudetendeutschen miteinander und mit den Tschechen verbinden, gehören:

- die Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich und zu den Böhmischen Ländern, die in dieser übernationalen Föderation eine Sonderstellung einnahmen;

- die jahrhundertealte Nachbarschaft mit dem tschechischen Volk, die von den přemyslidischen Herrschern des Mittelalters bis zur Vertreibung andauerte, aber auch die vielfältigen verwandtschaftlichen Bindungen zu Angehörigen des tschechischen Volkes, die sich immer wieder positiv und ausgleichend auf

politische Spannungen auswirkten;

- die Selbstbehauptung und Selbstorganisation der Volksgruppe in den zweisprachigen Ländern Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien sowie im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie;

- die jahrhundertelange Zusammengehörigkeit mit Österreich in der Habsburgermonarchie;

- die Nationalitätenprobleme in der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Tschechoslowakischen Republik, die de facto ein Vielvölkerstaat war, sich aber als zentralistischer Nationalstaat der „Tschechoslowaken“ konstituierte;

- die Instrumentalisierung und Gleichschaltung der Sudetendeutschen Volksgruppe durch das nationalsozialistische Deutsche Reich, von dem sich viele Sudetendeutsche durch das Münchner Abkommen 1938 eine Besserung ihrer Lage erhofft hatten;

- die Mitverantwortung für die Verfolgung und Ermordung von Sudetendeutschen und Tschechen, die dem nationalsozialistischen Regime missliebig waren, sowie für den Holocaust an den Juden in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien;

- die traumatische Erfahrung der kollektiven Entrechtung aufgrund der Dekrete des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš in den Jahren 1945 und 1946 sowie der fast vollständigen Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer Heimatin den Jahren 1945 bis 1949;

- das breit gefächerte und international bedeutsame kulturelle Erbe, das über Jahrhunderte hinweg von Deutschen in den Böhmischen Ländern in einer engen Symbiose mit Tschechen geschaffen wurde, insbesondere in den BereichenArchitektur, Bildende Kunst, Musik, Theater, Literatur und Wissenschaft;

- die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den böhmischen Ländern, die für ganz Europa Standards gesetzt hat;

- der erfolgreiche Zusammenschluss der heimatvertriebenen Sudetendeutschen in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und anderen sudetendeutschen Organisationen nach der Vertreibung;

- die gelungene Eingliederung bei Wahrung der sudetendeutschen Identität sowie der substantielle Beitrag der Sudetendeutschen beim Wiederaufbau Deutschlands, der Überwindung der deutschen Teilung und der Einigung Europas;

- die systematische Pflege von Kontakten über den Eisernen Vorhang hinweg sowohl zu den unter kommunistischer Diktatur lebenden sudetendeutschen Landsleuten als auch zu den freiheitlichen und christlichen Kräften im tschechischen Volk;

- die offene Wiederbegegnung mit den Sudetendeutschen in der DDR, den Deutschen in der Tschechischen Republik sowie dem tschechischen und slowakischem Volk nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989;

- die Enttäuschung darüber, dass mit dieser politischen Wende in Europa die Nationalismen noch längst nicht überwunden waren und viele politisch Verantwortliche oberflächlich oder ablehnend mit den Vertriebenen und ihren Anliegen umgingen;

- die aktiven Bemühungen seit 1989, in einen Dialog mit dem tschechischen Volk und den Repräsentanten des tschechischen Staats zu treten, die bei den vielen Partnerschaften und Patenschaften von Kommunen und Sudetendeutschen sowie in der Schirmherrschaft des Freistaates Bayern Rückhalt fanden;

- die Freude über vielfältige staatliche und nichtstaatliche Kontaktmöglichkeiten, die sich insbesondere seit dem Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union ergeben haben und die durch die tschechische wie deutsche Zivilgesellschaft insbesondere aus dem Jugendbereich, aber auch in

der älteren Generation mit großem Engagement zu Austausch, Verständigung und Versöhnung genutzt werden, wobei besonders die Kontakte zwischen tschechischen und sudetendeutschen Gruppierungen hervorzuheben sind;

- die begründete Hoffnung, dass sich 70 Jahre nach Krieg und Vertreibung, nach Phasen des Stillstands und der Rückschläge ein Dialog zwischen Tschechen und Sudetendeutschen auch auf oberer Ebene abzuzeichnen beginnt, in dem alle heiklen Fragen „ohne Furcht und Zwang“, wie es in der Charta der

Heimatvertriebenen heißt, behandelt werden sollten.

 

3. Einrichtungen in der Volksgruppe – Wie wir organisiert sind

- Repräsentation der Sudetendeutschen Volksgruppe

Alle vier Jahre wählt die – durch Vertreter der Arbeitsgemeinschaft sudetendeutscher Vereinigungen erweiterte – Sudetendeutsche Bundesversammlung den „Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe“. Er ist der gemeinsame oberste Repräsentant gegenüber der nationalen sowie internationalen Politik und Öffentlichkeit und hat die Aufgabe, die verschiedenen Kräfte innerhalb der Sudetendeutschen Volksgruppe

moderierend zusammenzuführen.

Ein wichtiges Bindeglied für alle Sudetendeutschen ist der Sudetendeutsche Tag, der jährlich zu Pfingsten von der Sudetendeutschen Landsmannschaft abgehalten wird und in den sich alle anerkannten sudetendeutschen Organisationen mitgestaltend einbringen können. In den letzten Jahren hat sich der Sudetendeutsche Tag zunehmend zu einem sudetendeutsch-tschechischen Dialogforum entwickelt.

- Die Sudetendeutsche Landsmannschaft

Die stärkste Organisation der heimatvertriebenen Sudetendeutschen ist die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Deutschland und in Österreich. Sie versteht sich als „Gestaltung der Volksgruppe außerhalb der Heimat“ und arbeitet partnerschaftlich mit den anderen anerkannten sudetendeutschen Organisationen sowie mit den Verbänden der Deutschen in der Tschechischen Republik zusammen.

Oberstes Organ der Sudetendeutschen Landsmannschaft ist die Sudetendeutsche Bundesversammlung.

Neben den regionalen Gruppen der Sudetendeutschen Landsmannschaft stehen die aufgrund ihrer Herkunft entstandenen Heimatkreise und Heimatlandschaften, die mit ihren Archiven, Heimatstuben und Museen ein wichtiges Bindeglied zwischen den Vertreibungsgebieten und der neuen Heimat – insbesondere in den vielen Patenstädten sudetendeutscher Kommunen – darstellen.

Dies gilt auch für die organisatorisch selbstständigen vielfältigen Heimatverbände. Eine enge Kontaktpflege und Koordinierung der jeweils spezifischen Aufgaben dieser Vereinigungen erfolgt durch den Sudetendeutschen Heimatrat.

Bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft angesiedelt ist die „Heimatpflegerin der Sudetendeutschen“. Ihre Aufgabe ist es, die kulturelle Überlieferung der Deutschen aus und in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien zu dokumentieren, zu bewahren und zu fördern. Diese Einrichtung wird vom Freistaat Bayern, dem „Bayerischen Bezirkstag“ (bis 2013 „Verband der bayerischen Bezirke“) und von der

Sudetendeutschen Landsmannschaft getragen.

Innerhalb der Sudetendeutschen Landsmannschaft leisten die Organisationen der Sudetendeutschen Frauen und der Sudetendeutschen Jugend eine wichtige Bildungs- und Kulturarbeit für ihre Zielgruppen.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist in Prag mit einem eigenen Sudetendeutschen Büro vertreten, das dem Informationsaustausch und der Völkerverständigung dient.

- Sudetendeutsche Vielfalt

Die vom Freistaat Bayern eingerichtete Sudetendeutsche Stiftung fördert mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln das kulturelle, grenzüberschreitende und heimatpolitische Wirken sudetendeutscher Einrichtungen. In ihren Gremien sind die Repräsentanten der Sudetendeutschen Landsmannschaft fest verankert. Die Stiftung betreibt das Sudetendeutsche Haus in München, das Institutionen und Einrichtungen der Volksgruppe Büro- oder Veranstaltungsräume bietet. Es ist unter anderem Sitz der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der Sudetendeutschen Zeitung sowie des Collegium Carolinum, des Sudetendeutschen Instituts und des Adalbert-Stifter-Vereins und deren gemeinsamer wissenschaftlicher Bibliothek mit der größten Spezialsammlung über die Böhmischen Länder außerhalb der Tschechischen Republik.

Im engen Zusammenwirken mit der Sudetendeutschen Stiftung errichtet der Freistaat Bayern mit Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar angrenzend an das Sudetendeutsche Haus das Sudetendeutsche Museum.

Eine im deutschen Vertriebenenbereich einmalige Einrichtung ist der Sudetendeutsche Rat, dessen 30 Mitglieder je zu Hälfte von der Sudetendeutschen Landsmannschaft und den Fraktionen des Deutschen Bundestags berufen werden. Er hat vornehmlich die Aufgabe, die deutsch-tschechische Verständigung „auf derBasis von Wahrheit und Recht“ zu fördern, und dient dazu, die heimatpolitischen Bestrebungen der Sudetendeutschen mit den Auffassungen der im Deutschen Bundestag vertretenen politischen Parteien zu koordinieren.

Die Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk, mit der die Sudetendeutsche Landsmannschaft eng vernetzt ist, betreibt eine über das deutschtschechische Verhältnis weit hinausgehende Bildungsarbeit in ihrer Tagungsstätte „Heiligenhof“ in Bad Kissingen.

Entsprechend der Vielfalt der politischen, religiösen, wissenschaftlichen, kulturellen oder volkstümlichen Interessen in der Sudetendeutschen Volksgruppe entstanden im Laufe der Jahrzehnte unterschiedlichste Gesinnungsgemeinschaften, Vereine, Arbeitsgemeinschaften, Akademien und Stiftungen. Diese fördern den Zusammenhalt bestimmter Interessengruppen und widmen ihre Tätigkeit spezifischen Schwerpunkten. Sie geben in öffentlichen Veranstaltungen sowie beim Sudetendeutschen Tag Einblicke in ihr Wirken.

Die Deutschen in der Tschechischen Republik sind in zwei Dachverbänden, dem „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität in der Tschechischen Republik“ und der „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“, organisiert und stützen sich in ihrer Arbeit vor allem auf „Begegnungszentren“ in den verschiedenen Heimatlandschaften, die von der Bundesrepublik Deutschland

gefördert werden.

 

4. Die Sudetendeutsche Volksgruppe in der Zukunft – Unsere Aufgaben und Ziele

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft setzt sich dafür ein,


- dass die Sudetendeutsche Volksgruppe auch in den kommenden Generationen eine lebendige und vielfältige Gemeinschaft bildet, die sich ihrer historischen sowie kulturellen Wurzeln bewusst ist und sich aus dieser Verantwortung heraus den aus ihrer Geschichte erwachsenen Aufgaben stellt.

Auf diesem Weg lädt sie die jungen Generationen und alle Interessierten zur Mitwirkung ein. Sie stützt sich dabei auf den kostbaren Erfahrungsschatz der Erlebnisgenerationen.

Dazu gehört auch die Unterstützung von Deutschen und Tschechen, die ihre familiären, kulturellen und historischen Wurzeln in den böhmischen Ländern suchen, durch heimatbezogene und grenzüberschreitende Aktivitäten.

- dass die Geschichte der Sudetendeutschen Volksgruppe – einschließlich der dunklen Abschnitte zwischen Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern – erforscht, dokumentiert, wahrheitsgemäß dargestellt und an künftige Generationen weitergegeben wird.

Dies soll im engen Zusammenwirken mit allen sudetendeutschen bzw. den dafür geeigneten deutschen und tschechischen wissenschaftlichen und Bildungs- Organisationen geschehen.

- dass von allen Beteiligten das Unrecht, das beide Seiten einander zugefügt haben, anerkannt und im Rahmen des Möglichen geheilt wird.

Die Sudetendeutschen haben sich durch ihre Repräsentanten wiederholt zu ihrer Verantwortung im Zusammenhang mit den Verbrechen der Nationalsozialisten bekannt und sind entschlossen, diese Vergangenheit auch weiterhin aufzuarbeiten.

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft arbeitet darauf hin, dass die Tschechische Republik die in den Jahren 1945/1946 vom Präsidenten, der Regierung oder dem Parlament der damaligen Tschechoslowakei erlassenen und fortwirkenden Dekrete, Gesetze und Verordnungen, die Unrechtstatbestände – kollektive Entrechtung, Enteignung, Zwangsarbeit, Vertreibung und Ermordung – anordneten bzw. legalisierten, außer Kraft setzt. Dazu fordert sie direkte Gespräche zwischen den Repräsentanten des tschechischen Volkes und Vertretern der Sudetendeutschen Volksgruppe mit dem Ziel, Lösungen zu finden, denen beide Seiten in freier Willensentscheidung zustimmen können. Sie erwartet dabei die Unterstützung der deutschen Politik.

 

 

 

Sudetendeutsche Landsmannschaft, Bundesverband e.V. Hochstraße 8 – 81669 München

Ansprechpartner: Christoph Lippert, Bundesgeschäftsführer

Telefon: (089) 48 00 03-50, Telefax (089) 48 00 03-44 E-Mail: lippert@sudeten.de – Internet: www.sudeten.de

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