"Tschechische Rentner sind ärmste Rentner der Tschechischen Republik" - Bericht zur Landesversammlung 2017

 

Mgr. Martin Dzingel aus Prag zu Gast bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Stuttgart

Adalbert-Stifter Medaille und weitere Ehrungen bei Landesversammlung vergeben

 

Mgr. M. Dzingel, jüngst wiedergewählter Präsident der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik bereicherte die diesjährige Landesversammlung der Landesgruppe Baden-Württemberg in der Sudetendeutschen Landsmannschaft mit Einblicken in die aktuelle Situation der Deutschen in der Tschechischen Republik und gab Eindrücke seiner vielfältigen Arbeit zum Erhalt und der Weiterentwicklung der deutschen Kultur in den Herkunftsgebieten der Sudetendeutschen.

 

Nach der Begrüßung durch Landesobmann Klaus Hoffmann übernahm Versammlungsleiter Jürgen Ginzel die Geschicke. Die Versammlung gedachte zunächst den seit der letzten Landesversammlung verstorbenen Mitgliedern. Anschließend verlas Ginzel die Grußworte des Landesobmannes aus Brandenburg, der in diesem Jahr nicht nach Stuttgart reisen konnte. Im vollbesetzten Saal des Hauses der Heimat Baden-Württemberg in Stuttgart gab danach Landesobmann seinen Bericht ab. Klaus Hoffmann ging dabei auch auf die Situation im Bundesverband ein, vor allem auf die seit zwei Jahren vorherrschenden Diskussionen und Auseinandersetzungen in Satzungsfragen und zur Bundesversammlung 2016. Aus Landessicht erwähnte er die wichtigen und viel beachteten Veranstaltungen zum Märzgedenken, die auch in Baden-Württemberg eingeführte Gedenkfeier für Vertriebene und Flüchtlinge im Juni sowie die Chartafeier im August. Er warb für die Landeskulturtagung, die im vergangenen Jahr federführend von der Sudetendeutschen Landsmannschaft durchgeführt wurde. Diese sei wichtig für das Selbstverständnis aller Heimatvertriebenen im Land. Erfolgreich sei auch erstmals ein sudetendeutscher Kulturtag im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg durchgeführt worden, so dass eine Fortsetzung im Herbst schon fest eingeplant ist. Mit der Einladung zum Stuttgarter Weindorf, erstmals vor drei Jahren, habe man neue Wege eingeschlagen, um auch abseits des normalen Geschäftsganges mit Vertretern der Parteien und Landsmannschaften ins Gespräch zu kommen. Dass er den Sudetendeutschen Tag, als den zentralen Tag aller Sudetendeutschen, mehrfach an diesem Tag erwähnte und auch auf eine Busfahrt aus Stuttgart hinwies, müsste nicht eigens erwähnt werden. Den Besuch des Sudetendeutschen Tages legte der Landesobmann aber jedem Teilnehmer und auch allen Landsleuten besonders nahe. Mit dem Hinweis, dass Mgr. Martin Dzingel, wiedergewählter Präsident der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, zur aktuellen Situation in der Tschechischen Republik viel profunder sprechen könne, beließ er es bei wenigen Ausführungen zur wesentlich verbesserten Situation bei Gesprächen in Prag und dem gesamten Sudetenland. Er merkte jedoch auch an, dass es noch vieler Gespräche bedürfe, um die Situation weiter zu verbessern. Damit übergab er das Wort an Mgr. Martin Dzingel.

 

Dieser ging mehrfach auf die nach wie vor geltenden Präsidialdekrete des Präsidenten E. Benesch ein, die unter anderem auch dafür sorgten, dass deutsche Rentner die ärmsten Rentner in der Tschechischen Republik wären. Er schilderte eindrücklich die Situation in seiner eigenen Familie, die die statistischen Zahlen mit persönlich Erlebtem untermauerte. Mit Erstaunen nahmen die Teilnehmer zur Kenntnis, dass der tschechoslowakische Staat den Deutschen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Tschechoslowakei bleiben mussten, Teile ihres Verdienstes als Wiedergutmachung abnahm. Auf Grund ihrer deutschen Nationalität wurden sie schon geringer entlohnt, nun führte dies auch zu einer zusätzlichen Reduzierung der Altersrente; dies sei auch statistisch belegt.

 

Aktuellen Schätzungen zufolge gäbe es ca. 40-50 Tausend Deutsche in der Tschechischen Republik. Die Zahl nannte er, obwohl bei der letzten Volkszählung wesentlich weniger eine deutsche Nationalität angegeben hatten. Man gehe aber davon aus, dass eine große Zahl von Bürgerinnen und Bürgern keine Angaben machten.

 

Trotz der nach wie vor geltenden Dekrete meinte Dzingel jedoch, dass sich die Situation der Deutschen in der CR grundsätzlich gebessert habe. Seit kurzem gebe es eigene Rundfunksendungen, die es ermöglichten die deutsche Sprache und die deutsche Kultur einem breiteren Publikum näher zu bringen. Wöchentlich werde nun berichtet. Positiv sei auch das Minderheitengesetz zu erwähnen, das viele Dinge ermögliche. Jedoch, so betonte Dzingel „wenn die Benesch-Dekrete nicht fallen, so haben auch wir keine Möglichkeiten.“

 

Ein Schwerpunktthema seiner Ausführungen beschäftigte sich mit Friedhöfen. Der Zustand der Friedhöfe mit deutschen Gräbern sei schlecht und viele seien aufgelassen worden. „Kreuze bleiben, wenn auch Gräber untergehen“, meinte er. Immer öfter gelänge es zumindest das Wesen der Friedhöfe zu erhalten, wenn es auch Umwidmungen zu Parklandschaften geben würde. Dies sei ein Erfolg in der gemeinsamen Arbeit der in der Heimat verbliebenen und der vertriebenen Deutschen.

 

Auf die deutsch-tschechische Erklärung von 1997 antworte man in diesem Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, die insbesondere als deutsch-tschechischer Kulturfrühling Aufmerksamkeit erzeugen würden. Kinder- und Jugendarbeit stehe dabei in Gablonz/Jablonec nad Nisou, Trautenau/Trutnov und im Hultschiner Ländchen/Hlučínsko im Vordergrund. Bei den deutsch-tschechischen Kulturfestivals in den Städten Reichenberg/Liberec und Troppau/Opava wird deutsche Kultur erlebbar. Dem Erhalt und der Weiterentwicklung deutscher Kultur in den Herkunftsländern der Sudetendeutschen widmen die deutschen Vereine sehr große Aufmerksamkeit.

 

Besonders erfreut zeigte sich Martin Dzingel über den „Johnny“ Klein-Journalistenpreis, der im vergangenen Jahr erstmals vergeben wurde. Alle zwei Jahre soll dieser mit Unterstützung der Stadt Mährisch Schönberg/Šumperk an Journalisten verliehen werden.

 

Ein gelungenes Beispiel wie sich deutsche Kultur wieder ihren Platz erobert sei die Widerbelebung des Deutschen Fußballklubs in Prag/Praha. Der Verein sieht sich seinem berühmten Vorgängerclub DFC verpflichtet und widmet sich ganz besonders dem Nachwuchs.

 

Dzingel betonte zusammenfassend noch einmal die herausragende Arbeit der deutschen Vereine in der Tschechischen Republik, die sich durch vielfältige Projekte in der Kulturarbeit und bei Sprachkursen, aber auch im sozialen Engagement auszeichnet.

 

Seinem Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Das Publikum dankte für den aktuellen Einblick in das Leben der deutschen Minderheit und forderte gleiche Rechte für die Deutschen in der Tschechischen Republik.

 

Mit großem Applaus wurde Martin Dzingel vom Podium verabschiedet.

 

Versammlungsleiter Jürgen Ginzel übergab das Wort für den nachfolgenden Tagesordnungspunkt wieder an Landesobmann Klaus Hoffmann. Im Namen der Sudetendeutschen Landsmannschaft zeichnete dieser verdienstvolle Mitglieder aus.

 

Mit dem Kleinen Ehrenzeichen der Landsmannschaft wurden für ihre vorbildliche und langjährige Führung ihrer Orts- und Kreisgruppen Walter Heinisch/Waiblingen, Herbert Kinauer/Giengen, Roland Liebl/Ludwigsburg und Michael Bauer/Leimen ausgezeichnet.

 

Willi Rössler erhielt für seinen herausragenden Einsatz das Große Ehrenzeichen verliehen.

 

Überrascht wurde Konrad Epple MdL, dem die Dankurkunde des Sprechers der Sudetendeutschen Volksgruppe überreicht wurde

 

Eine besondere Ehrung hatte sich der Landesobmann bis zum Schluss aufbewahrt. Schließlich galt es für seine großen Verdienste um die Entwicklung und den Erhalt der Sektion Sudeten im Deutschen Alpenverein den 1944 in Zuckmantel geborenen Klaus Dieter Svojanovsky auszuzeichnen. Ihm durfte der Landesobmann die Adalbert-Stifter-Medaille mit Urkunde für seine verdienstvolle Arbeit überreichen.

 

Der Nachmittag gehörte dann ganz den Regularien der Landesversammlung. Die Delegierten genehmigten den Jahresabschluss 2016 und entlasteten den Vorstand. Dem Haushaltsplan 2017 gaben sie ebenfalls grünes Licht, so dass der Vorstand mit diesem genehmigten Plan die Umsetzung seiner Projekte voranbringen kann. Mit Bruno Klemsche wurde wieder ein Landesorganisationsleiter nachgewählt

 

Mit einem Dank für die geleistete Arbeit, Hinweisen zum Sudetendeutschen Tag, den Landeskulturtagen, dem Gedenktag am 21. Juni und weiteren Terminen im sudetendeutschen Kalender verabschiedeten Versammlungsleiter Ginzel und Landesobmann Hoffmann die Delegierten.